Warum uns Schiedsrichter immer wieder Punkte
kosten o
der die Grenzen des menschlich Machbaren

Von Roland Huwiler

Ein guter Kollege hat sich kürzlich über die Blick-Noten bei den Fussballspielern aufgeregt und moniert, dass es doch völlig übertrieben sei, dass ein Spieler wegen eines Fehlers die Note 3 erhält. Ansonsten habe er doch eine super Partie gespielt. Meine Antwort viel relativ knapp aus: „Willkommen im Leben des Schiedsrichters“.

Schiedsrichter entscheiden Spiele, Schiedsrichter polarisieren, Schiedsrichter machen Fehler. Und ich möchte hier auch keine Hoffnung verbreiten: Dies wird immer so bleiben, solange sich der Mensch biologisch nicht massiv weiterentwickelt. Mit professionelleren Strukturen kann lediglich die Quote der Fehler reduziert und die Voraussetzung dafür geschaffen werden, dass wir mit unseren biologischen Möglichkeiten das Beste herausholen.

In meinem Text geht es mir vor allem darum, Verständnis zu schaffen. Zu erklären, warum es zu einfach ist, zu sagen, dass ein Schiedsrichter „schlecht“ ist. Ich möchte ganz einfach gewisse Punkte aus Sicht eines Schiedsrichters beleuchten, die sonst relativ wenig erwähnt werden:

Biologische Voraussetzungen:
Etwas provokativ gesagt: Der Mensch ist nicht dafür geschaffen Schiedsrichter zu sein. Trotzdem er ein Blickfeld von 170 Grad hat, kann er davon nur gerade rund 5-10 Grad „scharf stellen“. Periphäres Sehen heisst das wohl. Fokussiert der Schiedsrichter nun bei einem Zweikampf z.B. den Fuss, ist es biologisch gesehen unmöglich, einen Ellbogenschlag klar zu erkennen.

Gehen wir auf den Schiedsrichterassistenten ein, geht es dort primär um Offside-Entscheidungen welche zu Diskussionen führen. Die Problematik liegt hier in der Tatsache, dass der Assistent theoretisch die Ballabgabe und die Offsidelinie im Blickwinkel haben müsste. Dass dies oft nicht möglich ist, dürfte selbsterklärend sein. Diese zeitliche Verzögerung führt indes dazu, dass auf dem Platz im heutigen Spitzenfussball bereits 75 cm zurückgelegt werden.

Wohin schaue ich?
Beginnen wir hier mit einer Strafraumszene. Stürmer stossen, Verteidiger ziehen und mittendrin steht der Schiedsrichter, der den Fokus immer auf den richtigen „Übeltätern“ haben soll? Oder ein Laufduell. Wo passiert das Foulspiel? Wenn der Schiedsrichter den Fokus auf den Fuss legt (vielleicht weil er dort ein Beinstellen erwartet), kann in der gleichen Situation ein Ellbogeneinsatz ungeahndet bleiben – weil genau in dieser Situation für den Bruchteil einer Sekunde der Fokus falsch gesetzt wurde…

„Der Assistent steht unmittelbar daneben. Das muss er doch sehen“. Kennen sie die Aussage? Ein Zweikampf an der Seitenlinie, bei welcher der Stürmer eine Flanke schiessen möchte. Wohin soll der Assistent schauen? Seitenlinie (ist der Ball evt. über der Linie?), Zweikampf (Foulspiel?) oder Offsidelinie? Erwartet wird, dass er alles sieht. Er muss sich aber richtig entscheiden, weil auch hier die biologischen Voraussetzungen ein „Allessehen“ verunmöglichen.

Entscheidungen unter physischer Belastung
Ein durchschnittlicher Fussballspieler in der Bundesliga läuft rund 10 Kilometer. Ein Schiedsrichter auf Top-Level rund 12 Kilometer. Dabei entscheidet er innert Bruchteilen von Sekunden und sehr oft bei einem Puls von rund 85% der maximalen Herzfrequenz. Erholung gibt’s dann, wenn die Spieler es zulassen. Jedem dürfte klar sein, dass Entscheidungen in diesen Pulsregionen schwieriger fallen. Oder haben sie schon einmal versucht Kopfrechnungen zu lösen unmittelbar nach einem 80-Meter-Sprint?

Kritisieren wir immer den richtigen Adressaten?
Nehmen wir an, ein Raser brettert unerkannt mit 140 Km/h über eine Landstrasse und baut dabei einen Unfall und am nächsten Tag ist die ganze Schweiz empört über die Polizei, weil sie dies nicht verhindert hat. Etwas surreal? Klar! Schlussendlich ist der Raser der Täter, welcher auch bestraft werden soll. Machen wir nun den Link zum Fussball: Ein Spieler lässt sich im Strafraum fallen und der Schiedsrichter fällt auf die Schwalbe rein, was einen Elfmeter zur Folge hat. Am nächsten Tag ist die ganze Schweiz empört über den Schiedsrichter. Etwas surreal? Leider nein… Im Fussball werden viel zu oft die wahren Täter geschützt und man findet den Schuldigen in Form des Schiedsrichters. Aber wer war denn in der angesprochenen Situation der Täter? Wer hat Betrug am Sport begangen? Wer müsste eigentlich in den Medien an den Pranger gestellt und dort als Sündenbock dargestellt werden? Ganz ehrlich, wer hat dies schon einmal hinterfragt?

Mit diesen Erläuterungen habe ich versucht darzustellen, warum es Fehler gibt und immer geben wird. Den Artikel beenden möchte ich aber auch mit einer etwas provokativen Aussage was den Amateur-Fussball anbelangt:

Haben Sie schon einmal ein 5.-Liga-Spiel angesehen, bei welchem Sie keinen Bezug zu den Teams hatten? Ehrlich gesagt; keine Fussballkunst. Und trotzdem staunt man nach den Spielen, wie die Selbstwahrnehmung der Teams anders ausfällt. Da wird von Kombinationsfussball gesprochen, von herrlichen Aktionen über die Flügel etc. Ich habe mir einmal die Mühe gemacht Fehlpässe, Stop- und Stellungsfehler zu zählen. Tun sie das auch einmal – die Zahl wird sie überraschen… Am Schluss war – wie so oft – der Schiedsrichter schuld, weil er einen Elfmeter nicht gesehen hat.

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