Erstes Spiel als Schiedsrichter

80 Minuten in einem anderen Trikot

Im Juli absolvierte Roland Müller zusammen mit zwei Kollegen von den Küssnachter B-Junioren den Grundkurs zum Schiedsrichter. Nun stand sein erstes Spiel als Schiedsrichter an. Im Spiel der C-Junioren von Hünenberg und Hochdorf hatte er sich also nicht zwischen Dribbling oder Abspielen sondern Eckball oder Abstoss zu entscheiden.

Es ist ein Samstagnachmittag im September. Spielbeginn um 16.00, eine Stunde vorher Eintreffen am Spielort. In der Sporttasche sind die Fussballschuhe, Duschzeug und frische Wäsche. Alles nichts Neues für Roland Müller. Doch heute greift er nicht in der Mannschaftsgarderobe in die Team-Dresstasche sondern in seine eigene. Sein Trikot heute unterscheidet sich von denen aller anderer Akteure. Und somit ab diesem Zeitpunkt auch seine Aufgabe auf dem Spielfeld. Auch er bekommt vor dem Spiel Informationen vom Trainer, sogar von beiden. Aber ihm wird nicht gesagt, wie er zu laufen hat oder auf welchen Punkt er eine Flanke schlagen soll. Sondern er fragt nach den Informationen. Eine komplett neue Erfahrung für den 16-jährigen, von erwachsenen Männern, welche zwei oder dreimal so alt sind wie er, Trikotfarben, Spielerliste, Matchball, Spielfeld, Zeit der Mannschaftskontrolle und Spesen einzuholen. Aber Roli macht das ruhig, freundlich, interessiert und sachlich (…zugegeben…auch noch „ein Bisschen“ nervös…). Der erste Kontakt ist also geschafft. Nun hat er vor eine komplette Mannschaft von fast gleichaltrigen Spielerinnen und Spielern zu treten und diese aufzufordern, seinen Anweisungen Folge zu leisten. Aber es geht alles bestens, bereits bei der Kontrolle der zweiten Mannschaft ist alles schon mal viel einfacher.

Rund eine halbe Stunde vor Spielbeginn geht es aufs Spielfeld. Während die Kicker in einer Reihe einlaufen, mit dem Ball spielen, aufs Tor schiessen oder vom Trainer zurecht gewiesen werden, weil sie immer noch herumalbern, kontrolliert Roli die Tore (darf ich den Goalie jetzt einfach so an seinem Platz beim Einschiessen stören?!), Eckfahnen und Linien – irgendwer muss das ja machen, oder? Alles passt und es folgt bereits eine erste kleine Überraschung: Wo laufe ich mich ein? Wo finde ich ein Plätzchen, damit ich die Spieler nicht störe? Nun, Platz hat er schliesslich genug an einer Seitenlinie – an der Mittellinie quer übers ganze Spielfeld einzulaufen und dort zwei, drei Sprints zu machen traut er sich dann aber doch noch nicht.

Zurück in der Garderobe kontrolliert er nochmals sämtliche Utensilien. Pfeife, Notizkarten, Gelb, Rot, Schreiber, Uhr, Wählmünze, Matchball und schliesslich das Trikot rundherum sauber in der Hose. Passt alles, ab aufs Feld. Dort folgt der erste Pfiff in seiner Karriere; die SpielerInnen sammeln sich auf sein Kommando an der Mittellinie um das Spielfeld zu betreten. Das Prozedere mit Handshake und Platzwahl kennt man ja bestens von den vielen, vielen Spielen, die man bereits gesehen oder selber gespielt hat. Der Anpfiff ertönt auf die Minute genau. Und spätestens ab diesem Moment verändert sich für Roland Müller vieles. Aus einer zurückhaltenden, nachdenkenden Person wird ein Chef. Die Nervosität ist schnell mal weg, er fällt Entscheidung um Entscheidung souverän und klar. Die Tschütteler haben nicht mal Zeit, sich einen Pfiff zu „erreden“, Roli hat bereits agiert und zeigt die Spielfortsetzung an. Nach wenigen Minuten haben die Gäste aus Hochdorf bereits vier Tore erzielt. Nach einer halben Stunde dann ein weiterer guter Entscheid vom Schiri bei einem Zweikampf an der Mittelline. Kein Foul am Hochdorfspieler und Hünenberg lanciert einen Konterangriff, erzielt sein erstes Tor. Die Reaktionen? Die Zuger freuen sich über den Treffer, der Hochdorftrainer kommentiert das Tor: Übers halbe Spielfeld ruft er dem Teenager im gelben Dress zu, dass er ein Foul übersehen habe. Nun ja, der alte Mann stand ja auch 70 Meter vom Geschehen weg, da darf man ihm zu seinen guten Augen gratulieren. Fünf Minuten später ist Pause.

Mit den ersten 40 Minuten darf Roli sehr zufrieden sein, ein gutes Gefühl bisher! Seitenwechsel, es geht weiter. Schnell fallen die Tore zwei und drei für Hünenberg, plötzlich ist es auch für die Zuschauer wieder spannend. (Für den Schiri war es das natürlich immer. Auch bei einem Spielstand von 0:10 darf er sich ja schliesslich keinen Aussetzer erlauben und rennt bis zum Ende auf die bestmögliche Position um eine Aktion zu beurteilen… selbstverständlich). Mit dem einsetzenden Regen hat aber die eine Mannschaft aber etwas mehr zu kämpfen als die andere. Hochdorf erzielt noch ein paar Treffer, Hünenberg keine mehr. Roli macht seine Sache weiterhin bestens – er lässt einen schönen Vorteil laufen, ermahnt einen Spieler nach einer unfairen Aktion am Torwart und pfeift ein faires Spiel mit einem klaren Resultat nach Ablauf der Spielzeit ab. Die Leistung war gut – wohl kaum einer hat bemerkt, dass der Referee heute gerade mal ein, zwei Jahre älter war als die jungen Spielerinnen und Spieler. Es war Roli danach vielleicht nicht einmal bewusst, was er gerade tat, als er nach dem Spiel als erstes sagte „Die zweite Halbzeit lief nicht so gut wie die erste“. Er hat damit eigentlich gar nicht recht, liess sich aber von zwei, drei Kommentaren von den Trainern und Zuschauern (oder besser gesagt Eltern) beeinflussen. Schade. Aber mit seinem persönlichen Urteil tat er genau das, was jeder gute Schiri macht. Egal ob man eine Szene x-mal als Wiederholung im Fernseher oder auf Blick-Online mit entsprechendem Kommentar oder einfach nur an einem Spiel zweier C-Junioren-3.Stärkeklasse-Teams sieht: Der Schiri beurteilt sich selber am strengsten.

 

Roland Müller ist ein Anfänger-Schiedsrichter. Nebenbei – oder eben hauptsächlich – spielt er bei der SG Küssnacht-Weggis B1 in der zweiten Stärkeklasse. Nach seinem Spiel als Schiri geht es sofort zurück in den Kanton Schwyz, es reicht ihm noch für die zweite Hälfte des Meisterschaftsspiels seiner Mannschaft. Sein Trainer wechselt ihn ein, gibt ihm die entsprechenden Anweisungen und Roli erzielt beim 4:1-Sieg ein Tor. Der Samstagabend endet also wie gewohnt. Mit dem kleinen Unterschied, dass er mit einer neuen Erfahrung schlafen geht und zu Hause noch den Schiedsrichterrapport online ganz genau und mit sämtlichen Angaben auszufüllen hat – wie man es von jedem Schiri Woche für Woche erwartet.

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